Alltag in Jerusalem

Aus Scriptorium

Der Alltag in Jerusalem hat extrem viele Facetten, und viele davon können einem modernen Menschen fremd vorkommen. Um den Alltag in Jerusalem in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts nahe zu bringen, ist dieser Beitrag deshalb als eine Reisegeschichte von einem Gang durch Jerusalem abgefasst.

Eine Fremdenführung durch Jerusalem

Willkommen, Reisender. Du hast es geschafft. Nach langen Mühen und ewig erscheinenden Märschen und Ritten erstreckt sich vor dir das ersehnte Ziel: die Stadt Jerusalem.

Möglicherweise kommst du als Pilger aus dem Abendland in die Levante, um dort in der Grabeskirche Gott um Vergebung anflehen zu können. Vielleicht kommst du als kleinadliger Ritter in die Hauptstadt des Königreichs Jerusalem, um im Königlichen Palast oder bei den Templern am Tempelberg, oder bei den Johannitern am Muristan deine Dienste anbieten zu können. Oder du bist ein Edelknappe auf der Suche nach einem Ritter oder einem Baron, bei dem du unterkommen kannst. Vielleicht bist du ein italienischer Kaufmann auf der Suche nach der Loggia der Venezianer oder dem Syrischen Handelsplatz, um dort Handel betreiben zu können. Vielleicht bist du ein Muslim, der in Jerusalem an der Stelle beten will, wo einst der Prophet Mohammed auf einem geflügelten Pferd gen Himmel gefahren war, oder an der Madrasa eine Vorlesung besuchen will. Vielleicht bist du ein Jude, der an der Klagemauer seinen Frust ablassen will. Vielleicht bist du ein Melkite oder ein Jakobite oder ein Armenier, ein orientalischer Christ, der seine Verwandtschaft besuchen will – immerhin stellen die Syrer, wie man die orthodoxen Christen in Jerusalem nennt, in dieser Stadt die Bevölkerungsmehrheit. Oder ein Lehrling auf der Suche nach einem Meister, der ihm ein Handwerk beibringen kann. Oder ein Söldner auf der Suche nach einem Arbeitsgeber, der dich vielleicht irgendwann einmal, mit etwas Glück, zu seinem persönlichen Waffenknecht ernennt..

Egal, wer du bist, lass dir von diesem Artikel eine Einführung bieten mithilfe eines Spazierganges vom Davidstor bis zum Königspalast, an dessen Ende du hoffentlich einen ersten Einblick in das Leben in Jerusalem im 12. Jahrhundert gewonnen hast.

Die Stadt Jerusalem, die Stadt der Propheten und der Könige der Bibel, und die Stadt, wo Jesus gewirkt hat, und wo nun das Königspaar von Jerusalem – Fulko, ein eingewanderter Franzose aus Anjou, und Melisende, Tochter des Balduin II., geboren in Edessa und eine orientalische Fränkin der zweiten Generation – residiert, wird sichtbar, wenn man die Gebirgspässe westlich der Stadt überschreitet, am Kalvarienberg. Der Felsendom ist ein markantes Wahrzeichen der Stadt, welches schon von Weitem zu sehen ist, ebenso wie die Grabeskirche und der direkt daneben stehende königliche Palast. Seit 1099 ist diese heilige Stadt die Hauptstadt des größten der Kreuzfahrerstaaten, des Königreichs Jerusalem. 1099 hatte der erste der Kreuzzüge in Jerusalem sein Ende gefunden – in der Eroberung Jerusalems und einem grausamen Massaker an Muslimen und Juden, der den Muslimen und Juden Jerusalems noch heute in Erinnerung ist.

Am Davidstor herrscht ein schreckliches Gewühl; eine gewaltige Masse an Menschen drängt durch. Immerhin ist dies das größte Tor der Stadt, durch welches die Straße nach Jaffa geht – die Straße, die die meisten Pilger und Händler benutzen. Die Stadtmauer ist massiv und ein beeindruckendes Zeugnis arabischer Architektur – die Kreuzfahrer verwenden die Mauern, die die Fatimiden errichtet hatten, einfach weiter. Durch das Tor zieht eine Gruppe an aufgeregt quasselnden Pilgern in grauen, staubigen Kutten. Sie sind Lateiner – Angehörige der römisch-katholischen Kirche, die in Jerusalem den dortigen Patriarchen stellt und die Religion der regierenden Schicht ist. Die meisten sprechen französisch, italienisch und deutsch – aber auch andere Sprachen dringen an dein Ohr, englisch, katalonisch, kastilianisch, ungarisch, böhmisch, polnisch und dänisch. Die Sprachenvielfalt ist enorm, auch unter den Einheimischen. Die zumeist gesprochene Sprache ist arabisch, die Lingua Franca des Morgenlandes. Aber auch andere Sprachen sind leicht zu hören, während du durch das Tor schreitest und die Davidsstraße betrittst – die braun gebrannten Einheimischen, die an dir vorbei huschen, sprechen armenisch, aramäisch, hebräisch, griechisch und georgisch.

Die Davidsstraße ist breit, aber geht steil, teilweise über Stufen, hinunter Richtung syrischem Handelsplatz. Es lohnt sich ein Blick nach rechts, wo eine massive Zitadelle steht – der Davidsturm. Hier ist der Sitz des Vizegrafen und des Bürgergerichts; zudem ist die Burg durch Waffenknechte und Edelknechte der Krone immer gut besetzt. Auch befindet sich hier der Kerker und die Waffenkammer der Stadt Jerusalem, falls der König einmal die Bürger Jerusalems als Landesaufgebot einziehen muss.

Links befindet sich das Christenviertel. Gewundene Straßen gehen hier durch verschiedene kleine Souks zum Machtzentrum der Stadt, zur Grabeskirche, die über dem Berg Golgotha und dem Grab Christi gebaut worden ist, und zum königlichen Palast, der im Zentrum der Stadt steht. Erst später wird er in den Süden verlegt werden, zu einem Standpunkt südlich des Davidsturms.

Rechts zweigt, nach der Zitadelle, die Straße der Armenier ins armenische Viertel ab. Wenn du nach rechts blickst, siehst du eine Kolonne armenischer Mönche, deren schwarze, spitze Kapuzen ihre Gesichter schattieren, mit tiefen Stimmen ein Loblied an Jesus Christus singend (schließlich sind die Armenier auch Christen, selbst wenn besonders konservative Geister sie als Häretiker betrachten). Ein alter Beduine treibt, in seinem arabischen Dialekt fluchend, seine Kamele voran.

Plötzlich stieben die Menschenmassen auseinander. Sie machen Platz für einen Baron – einer der kleinen Elite, welche die höchsten Ehren im Königreich Jerusalem inne halten. Der Baron reitet auf einem Destrier, einem massiven Schlachtross, trägt eine lange Kettenbrünne sowie einen Nasalhelm und Lederstiefel. An seinem Schwertgurt hängt ein langes Schwert. Ein Edelknappe folgt ihm zu Pferd, mit zwei Pferden im Schlepptau und beladen mit Lanze und Schild seines Herrn. Ihm folgen ein paar weitere Soldaten – Waffenknechte auf Pferden, nicht so aufwändig und schwer gerüstet wie der Herr, dem sie Folge leisten.

Der Baron ist vorbei galoppiert, und die Menschen treten wieder auf die Straßen. Der Baron sah ziemlich mächtig aus. Sicherlich war es jemand, der im Hofstaat des Königspaars Einiges zu sagen hat. Vielleicht war er einer der mächtigen Hofbeamte des Königs - vielleicht der Konstabler, oder der Seneschall? Der Kanzler war er sicher nicht; das sind grundsätzlich Geistliche. Nicht, dass Geistliche sich im Heiligen land nicht auch streitbar geben würden, vor allem die Ritterorden.

Je näher du zum syrischen Markt kommst, desto dichter reihen sich an der Straße Läden und Werkstätten - überwiegend der oberen Klasse, schließlich leben an dieser Straße auch einige reiche und wichtige Leute. Das Haus, an dem du gerade vorbeikommst, und welches an der rechten Straße steht - ein Liwan, wie es dir scheint - gehört zum Beispiel sicher einem reichen Mann.

Du kommst zum syrischen Markplatz. Hier ist ein Lärm und ein Trubel, wie man ihn nur selten sieht. Pferde, Kamele, Esel, Mengenwaren wie Holz und Backsteine, und natürlich Sklaven werden hier zum Verkauf angeboten - oft sehr aggressiv. Du weichst den brüllenden Auktionären und den aufdringlichen Bettlern aus, und kämpfst dich durch den Markt.

Vor dir öffnet sich die Straße des Tempels. Am Ende der Straße siehst du den Tempelberg, in welchem die Templer leben. In die Höhe ragt das goldene Dach des Felsendomes. Zu deiner rechten Hand befindet sich das jüdische Viertel. Es ist das neueste Viertel in Jerusalem, und wohl auch das ärmlichste - abgesehen von den Häusern einiger weniger Bankiere. Du erspähst einen in schwarz-weißen Gewändern gekleideten Rabbiner, der, wie du, versucht, durch den syrischen Marktplatz zu kommen, um nach Hause zu gelangen - oder vielleicht in die Synagoge, in welcher er vorhat, eine Lehrveranstaltung zu machen.

Dies jedoch ist aber nicht dein Ziel. Du biegst nach links ab, hinein in die Straße des Heiligen Stephans, wo es ein kleines bisschen ruhiger ist. Auch die Straße des Heiligen Stephans ist recht steil; auch hier gibt es dann und wann Treppen, um das Emporsteigen zu erleichtern. Die Straße erscheint dir weniger nobel als die Davidsstraße - gestresste Boten eilen einander vorbei; der eine oder andere Bauer, begierig darauf, seine Waren in Jerusalem zu verkaufen - immerhin müssen für Nahrungsmittel am Stadttor keine Zölle gezahlt werden, dank königlicher Erlaubnis - schiebt eine Karre voller Gemüse vorsichtig über die unebene Straße; ein Müllerlehrling transportiert ächzend einen vollen Getreidesack über seiner Schulter; ein protestierend muhender Ochse, mit einem Joch am Nacken, wird von einem Kuhhirten die Straße entlang getrieben; ein düster aussehender Mann schleicht in eine Seitengasse. Du blickst ihm nachdenklich hinterher. War dies etwa ein Mitglied der legendären Assassinen? Vielleicht war es auch nur Einbildung. Fürchten musst du dich nur, wenn du ein Muslim bist - bislang haben die Assassinen noch kein Mitglied einer anderen Religion angegriffen. Bislang.

Du rennst fast in einen bärtigen Mann hinein, der einen weißen Thawb und einen Turban trägt – ein islamischer Alim, der dich gar nicht bemerkt, weil er dabei ist, Koranverse leise zu rezitieren. Die Ulama bilden die geistige Führungsschicht der zumeist sunnitischen Muslime der Stadt; sie werden vom Mufti geleitet, und versammeln sich in der Madrasa bei der Moschee des Omar, wo sie auch unterrichten. Dem Alim folgen zwei in weiß gekleidete Koranschüler, auf deren Köpfe eine weiße Taqiyyah sitzt, begierig darauf, Weisheiten von den Lippen ihres Lehrers aufnehmen zu können.

Während du deine Schritte weiterlenkst, betrachtest du die Gewerbeläden, die die beiden Straßenseiten säumen. Jeder Laden fungiert im Grunde genommen als eine Art überdachter und im Haus eingelassener Marktstand, mit einer breiten Theke und eine vor dem Wetter schützende Markise - diese können in der Nacht hoch- und runtergeklappt werden, um den Laden zu schließen. Aus Schmieden hörst du Hämmern, aus Fleischereien Klopfen - das Fleisch wird verteilt - und aus Brauereien das dumpfe Gurgeln des Brauvorgangs. Aus jedem der Läden hörst du aber vor allem das laute Rufen von Lehrlingen, Meistern und Gehilfen, die die hohe Qualität der Waren anpreisen. Wenn du vor einem der Läden anstehst, versucht der Ladenbesitzer dich sofort ins Gespräch einzuspannen und dir was anzudrehen, selbst wenn es bedeutet, dass er liegen und stehen lässt, was er gerade macht.

Du ignorierst die Werbeleute, passierst eine Taverne, aus der gedämpft Trinklieder dringen, und schaust nach recht - dort tut sich die Via Dolorosa auf. Diese Straße, durch die einst Jesus mit seinem Kreuz schritt, und einige wertvolle Denkmäler wie den Ecce-Homo-Bogen enthält, ist bewohnt von vielen Muslimen - schließlich befindet sich hier in der Nähe auch die Moschee, um die die muslimsiche Minderheit von Jerusalem herum lebt. Würdest du die Straße weiter herunterfolgen, würdest du zur Loggia der Venezianer kommen- dort werden immer tüchtige Krämer gesucht, und jeder Venezianer kann sich darauf verlassen, dass ihm vom Konsul der Venezianer weitergeholfen wird.

In diese Straße biegst du nicht ein; viel eher schaust du nach links. Du erheischst einen Blick zur Grabeskirche, der Kathedralkirche von Jerusalem. Wer dorthin geht, kann beichten, einer Messe beiwohnen - aber auch dezent an einen Kanoniker oder gar an den Patriarchen herantreten und fragen, ob man sich der Geistlichkeit des Patriarchats anschließen kann. Begabte Geistliche werden von der Kirche immer gesucht, und ein Aufstieg in der Kirchenhierarchie ist einem tüchtigen Kleriker gewiss.

Doch deine Schritt gehen fürs Erste zum Königspalast. Ob man dich da reinlässt, hängt von deinem Stand ab. Wenn du ein armer, versiffter Schlucker bist, lassen dich die Wachen unter Garantie nicht rein. Wenn du halbwegs vernünftig ausschaut, lässt man dich vielleicht zum Kämmerer, der, wenn du Glück hast, dir einen Termin gibt für irgendwann. Wenn du aber wichtig bist, und ein hohes Tier, empfängt dich der König oder die Königin ziemlich sicher so schnell wie möglich - aber vergiss das Hofzeremoniell nicht, wenn du ihnen gegenüber trittst!

Mit diesen Worten ist dein Spaziergang durch das mittelalterliche Jerusalem beendet. Du bist angekommen, und kannst nun anfangen, deinen eigenen Weg zu beschreiten. Wo dieser endet - in der Gosse, wo du deinen Frust mit Arak zu ertränken versuchst; im Hofstaat, wo du hohe Ämter bekleidest; in einer hohen kirchlichen Position, von wo du aus das Wort Gottes predigst; oder in einer respektablen Werkstatt, wo du der Meister bist - liegt an dir.

Viel Spaß im Königreich Jerusalem, und beim Erkunden, Ausspielen und Erfahren einer längst vergangenen Welt!