Scharia

Aus Scriptorium

Die Scharia bezeichnet die Gesamtheit des islamischen Rechts. Das Wort kann als „Weg“ oder „Pfad“ übersetzt werden. Es handelt sich hierbei um das rechtliche Gerüst, um welches die gesellschaftliche und kulturelle Struktur eines islamischen Staates, wie das Fatimidenkalifat, aufgebaut ist. Interpretiert wird es von einem Qadi, und allgemein handelt es sich um das anzuwendende Recht im Fatimidenkalifat. Es ist kein zusammenhängendes Rechtssystem, auch wenn der Jurist Al-Numan ein nützliches, allgemein im Fatimidenkalifat verwendetes Gesetzesbuch erstellt hatte. Es regelt eine große Menge an wirtschaftlichen, rechtlichen und religiösen Aktivitäten, die hier detailliert werden.

Hygiene und Reinheit

Im Islam hat die Reinheit eine spirituelle und physische Dimension. Muslime glauben, dass gewisse menschliche Aktivitäten und Umgang mit unreinen Tieren und Substanzen Unreinheit erzeugt.

Muslime benutzen Wasser für die Reinigung, auch wenn die Benutzung von Erde oder Sand möglich ist, wenn es kein Wasser gibt. Vor Gebeten und anderen Ritualen müssen sich Muslime reinigen.

Die normale Reinigung (Wudu) wird vor fast allen religiösen Aktivitäten gemäß des Schiitismus so ausgeführt: erst bereitet man sich innerlich darauf vor, schöpft dann aus einem Wasserbecken mit der rechten Hand reines, klares Wasser und benetzt damit das Gesicht. Dann schöpft man mit der linken Hand Wasser, um damit den rechten Unterarm zu reinigen, und mit der rechten Hand schöpft man, um damit den linken Unterarm zu reinigen. Anschließend streicht man sich mit dem Mittelfinger die Haare aus dem Gesicht, und reibt sich mit seinen nassen Händen, ohne mehr Wasser nachzuschöpfen, mit der jeweiligen Hand den oberen Teil der Füße ein.

Die komplette Reinigung (Gusl) ist notwendig, wenn eine Frau menstruiert, wenn man sich vorher sexuell betätigt hat, ein Kind auf die Welt gebracht hat oder mit einem Toten in Berührung gekommen ist. Hier muss man sich erst die Hände und dann die Geschlechtsteile waschen, bevor man den Wudu ausführt. Anschließend gießt man noch einmal Wasser über den eigenen Körper, und wäscht dann die Schultern. Ist dann noch eine Stelle des Körpers trocken, so muss diese dann noch nachträglich eingenässt werden.

Wirtschaftsrecht

Alle Muslime, die über dem Existenzminimum leben, müssen als Teil der 5 Säulen des Islam eine Almosensteuer, das heißt, eine Zakat zahlen. Dies ist eine Obligation, die die Gesellschaft den Armen schuldet. Generell müssen 2,5% des Vermögens an dem Amil, der die Steuer einnimmt, gezahlt werden. Die Regierung kann diesen Prozentsatz vergrößern, wenn sie mehr Almosen ausgeben will. Versteuert werden alle Vermögenswerte, auch Vermögen an Iqtas.

Die Lex Mercatoria, das allgemein anerkannte Handelsrecht, wird auch von islamischen Händlern benutzt und findet Anwendung. Die Scharia anerkennt privates und öffentliches Eigentum, sowie auch Eigentum von Wohlfahrtsorganisationen – Waqf beziehungsweise Treuhandschaften. Unter der Scharia gehört jedoch alles Eigentum grundsätzlich Gott; es gibt daher auch eine Obligation, den Wohlstand zu teilen (daher kommt die Zakat).

Zudem sind unter islamischem Recht Transaktionen und Aktivitäten ungültig, wenn sie eines oder mehrere folgender Kriterien erfüllen:

  • Unethischer Zweck – dies bedeutet, dass durch diese ökonomische Aktivität in etwas investiert wird, was nach islamischem Recht verboten ist, zum Beispiel allgemeine kriminelle Aktivitäten, Glücksspiel, Alkohol und Schweinezucht.
  • Wucherei (Riba) – das Nehmen von Zinsen ist streng verboten. Wucherei wird aber auch als etwas interpretiert, wo das investierte Geld und die investierten Mühen außerhalb von jeglichem Verhältnis stehen zum dadurch errungenen Geld; d.h. Exzessive Gewinnausschüttung ist auch verboten.
  • Unsicherheit (Gharar) – Wirtschaftliche Aktivitäten sind ungültig, wenn mit ihnen allzu viel Unsicherheit verbunden ist. Darunter fallen beispielsweise Versicherungen.
  • Maisir (Spekulation) – Jegliche Form von Spekulation ist streng verboten.
  • Ungerechte Bereicherung – Wo auf Kosten von anderen ein Profit gemacht wird.

Diese Bereiche sind recht weit gefasst, überlappen sich oft und können von Qadis unterschiedlich interpretiert werden; allgemein sind sie dazu da, um Geschäftsleute von unsauberen Geschäftspraktiken abzuschrecken.

Oft schließen sich Geschäftsleute zu Partnerschaften zusammen, eine Institution, die in der islamischen Welt Gang und Gäbe war.

Ernährung

Während des Ramadan müssen Muslime zwischen Sonnenauf- und –untergang auf Essen und Trinken verzichten. Ausnahmen werden nur gemacht für Kinder vor der Pubertät, die Kranken, Reisende, und schwangere oder menstruierende Frauen. Im Zuge des Ramadans gibt es oft große Mahlzeiten am Beginn und Ende des Tageslichts. Nach dem Abendessen nehmen Muslime im Ramadan an gemeinschaftlichen Gebeten teil. Das Ende des Ramadan stellt Eid al-Fitr dar, ein großes Fest, das mit speziellen Feiern, Familien- und Freundentreffen, und speziell zubereiteten Mahlzeiten gefeiert wird. Muslime können auch an anderen speziellen Tagen des Jahres fasten, und versäumte Fastentage wettzumachen.

Generell dürfen Muslime keinen Alkohol trinken, auch wenn einige Muslime das heimlich tun. Öffentliche Trunkenheit kann das Ansehen eines Menschen komplett zerstören.

Das Essen muss halal, dh. Gestattet sein. Dies bedeutet, dass es kein Schwein enthalten darf – auch keine Speisen, die mit Schweinefett zubereitet sind. Auch sind mit Alkohol zubereitete Speisen nicht gestattet. Außerdem müssen Tiere, damit deren Fleisch halal ist, mit einem schnellen Schnitt in den Hals und einem kurzen Gebet (oft „Bismillah, Allah Akbar“) getötet werden. Das Fleisch muss dann gut ausgehangen werden, damit es kein Blut (dessen Verzehr nicht gestattet ist) enthält. Ebenfalls darf Fleisch von verendeten Tieren nicht verzehrt werden. Allerdings ist es Muslimen erlaubt, koscheres Fleisch zu essen. Essen, das nicht halal ist, darf auch gegessen werden, wenn sonst kein anderes Essen verfügbar ist.

Theologische Obligationen

Zumindest einmal im Leben eines Muslim muss er die Haddsch ausführen, oder zumindest versuchen.

Eherecht

Der Koran gestattet einem Muslim, mehr als eine Frau zu heiraten – 4 ist das Maximum. Allerdings wird solches Verhalten nicht angeraten. Polygamie ist nur in bestimmten Situationen erlaubt, zum Beispiel wenn der Tod eines anderen Mannes eine Frau ohne Unterstützung hinterlässt und sie daraufhin einen schon verheirateten Mann heiratet. Alle Frauen haben das Recht auf separate Gemächer, und alle müssen die gleiche Aufmerksamkeit, Unterstützung und Erbschaft bekommen. Es war ungewöhnlich für einen Mann, mehr als eine Frau zu haben; nur reiche Männer konnten sich zwei oder mehr leisten. Manchmal heiratete ein Mann auch eine zweite Frau, wenn die erste unfruchtbar war.

Im schiitischen Islam war eine Ehe auf Zeit erlaubt.

Kleidungsvorschriften

Der Koran gibt seinen Befolgern Kleidungsvorschriften vor. Männer müssen sich gesittet kleiden, und vor Frauen ihren Blick senken, um nicht unzüchtige Gedanken zu bekommen. Frauen müssen ebenfalls vor Männern ihren Blick senken, um keine unzüchtigen Gedanken zu bekommen, sie müssen sich züchtig anziehen und ihren Busen bedenken, und keinem Mann Schmuck zeigen außer den Männern ihrer Familie.

Männer müssen sich zumindest bedecken vom Nabel bis zu den Knien. Dies war eine lockere Vorschrift, und kam daher, dass Männer oft draußen schere Arbeit verrichteten.

Die normale Ansicht war, dass Frauen ihren gesamten Körper, außer ihr Gesicht und ihre Hände, mithilfe eines Kopftuchs bedecken mussten. Allerdings war es, vor allem in der Unterschicht, oft so, dass Frauen – besonders arbeitende Frauen wie Bäuerinnen und Waschfrauen – sich nicht daran hielten, und auch öffentlich aus praktischen Gründen mehr von ihrem Körper entblößten. Manche Frauen verzichteten sogar auf das Kopftuch. Auf der anderen Seite jedoch bedeckten manche Frauen noch mehr von ihrem Körper als erforderlich – sie trugen einen Niqab, einen Schleier, vor ihrem Gesicht, und Handschuhe. Dies war üblich bei Frauen aus reichen Familien, die dadurch signalisierten, dass sie (bzw. ihre Familien) so reich waren, dass sie – anders als die sich unziemlich entblößenden Frauen aus der Unterschicht – keine Arbeit verrichten mussten. Diese Bekleidung war nicht mit Machtlosigkeit gleichzusetzen, sondern war eine Mode, die damals von kaum einem Kleriker als notwendig angesehen wurde.

Allgemein mussten Männer sich davor hüten, dass in ihnen Lust aufstieg; Frauen mussten züchtig erscheinen.

Sklaverei

Sklaverei wurde als außerordentlich angesehen – allgemein galt die Annahme der Freiheit, wenn die Herkunft eines Menschen nicht bekannt war. Versklavung wurde in zwei Fällen als gerechtfertigt angesehen – wenn ein Nicht-Muslim im Krieg gefangen genommen wurde, und wenn ein Mensch als Kind eines männlichen Sklaven geboren wurde. Ein freier Muslim konnte nicht versklavt werden, aber ein Sklave wurde nicht automatisch dadurch frei, dass er zum Islam übertrat – nachträgliche Konvertierung hatte keinen Einfluss auf den Status als Sklaven.

Status von Nicht-Muslimen

Die Scharia unterscheidet zwischen Muslimen, Dhimmis und Heiden. Juden und Christen zählten ohne Frage als Dhimmis; sie waren ebenfalls monotheistisch und folgten dem Gott Abrahams. Je nach Region wurde aus pragmatischen Gründen auch Mandäer, Manichäer, Zoroastrianer, Buddhisten und sogar die polytheistischen Hinduisten als Dhimmis gezählt – es kam kaum je vor, dass ein muslimischer Herrscher eine nicht-muslimische Untertanengruppe nicht als Dhimmis einstufte.

Die Scharia ließ zu, dass Dhimmis ihr eigenes Recht genossen und nur islamischem Recht unterworfen waren, wenn beide Parteien dazu zustimmten. Es kam öfters vor, dass Dhimmis, um die Vorteile des islamischen Verfahrens zu genießen, vor den Qadi gingen, sodass dieser nach syrischem oder jüdischem Recht über sie urteilen konnte.

Erbrecht

Das Erbrecht gemäß Scharia schrieb vor, dass bei einem Todesfall zuerst, von seiner Familie in dieser Reihenfolge, vier Pflichten zu erfüllen sind.

  • Bezahlung der Begräbniskosten
  • Begleichung der Schulden des Toten.
  • Ausführung des Testamentes des Toten (ein Muslim konnte nur über bis zu einem Drittel seines Vermögens in seinem Testament verfügen, und konnte dies nur für wohltätige Zwecke vermachen)
  • Verteilung des Restvermögens an die Erben.

Primärerben sind immer zu einem Teil des Vermögens berechtigt. Dazu gehören der hinterbliebene Ehepartner, die Eltern und die Kinder. Wenn es keine davon gibt, so erben weiter entfernte Verwandte. Wenn es diese nicht gibt, so wird das Vermögen durch den Staat eingezogen.

Nur legitime Verwandte können erben – Bastarde und Ziehkinder sind ausgeschlossen. Wenn ein Mann eine schwangere Frau hinterlässt, muss die Verteilung des Erbes warten, bis das Kind geboren ist. Geschiedene Ehepartner können nicht erben. Auch gilt das Maxim, dass Mörder nicht vom Ermordeten erben können, und dass Angehörige einer anderen Religion vom Erbe ausgeschlossen sind – wobei Muslime von Nicht-Muslimen erben können.

Allgemein gilt, dass eine Frau immer die Hälfte des Geldes bekommt, was einem Mann an ihrer Stelle zustehen würde – eine Tochter zum Beispiel bekommt die Hälfte von dem, was ihr Bruder bekommt (dafür hat aber ein Bruder die Pflicht, für Mitgift und Vergütigung einer unverheirateten Schwester zu sorgen). Diese Regel hat aber Ausnahmen.

Eine ausführliche Schilderung des Erbrechtes würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Bei der Berechnung des Erbes kann aber diese Website zu Hilfe genommen werden: http://inheritance.ilmsummit.org/projects/inheritance/home.aspx

Strafrecht

Die ärgsten Verbrechen waren die, die direkt im Koran beschrieben werden. Diese galten als Sünden wider Gott; ihre Bestrafungen waren zwingendes Recht. Diese Verbrechen und ihre Bestrafungen, die durch den Scharfrichter ausgeführt wurden, waren:

  • Ehebruch: 100 Peitschenhiebe oder Steinigung
  • Vorehelicher Geschlechtsverkehr, und Geschlechtsverkehr zwischen Muslimin und Nicht-Muslim: Tod
  • Raubüberfall: Exil, Abtrennung der Gliedmaßen oder Kreuzigung
  • Diebstahl: Abtrennung der rechten Hand; beim zweiten Mal Abtrennung des linken Fußes; bei weiteren Malen Gefangenschaft
  • Verleumdung: 80 Peitschenhiebe
  • Betrunkenheit: 80 Peitschenhiebe
  • Hochverrat: Exil, Abtrennung der Gliedmaßen oder Kreuzigung
  • Abfallen vom Glauben: Tod
  • Männlicher homosexueller Sex: Tod
  • Jegliche homosexuelle Aktivität außer männlicher homosexueller Sex: 100 Peitschenhiebe
  • Vergewaltigung: Tod
  • Mord: Tod (oder, nach Begnadigung durch die Familie des Ermordeten, eine Geldstrafe an die Hinterbliebenen – siehe zweite Kategorie)

Als zweite Kategorie von Verbrechen galten vorsätzliche Gewaltverbrechen. Definiert ist dies als Verbrechen, bei dem Blut fließt. Eine übliche Strafe war „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Der nächste männliche Angehörige durfte einem Mörder nach seiner Verurteilung mit einem Schwert köpfen. Wurde jemandem das Auge ausgeschlagen, so konnte das Opfer dem Verbrecher selber das Auge ausbrennen. Allerdings musste diese Bestrafung immer proportional sein – wer mehr austeilte, als er eingesteckt hatte, beging selber dadurch ein Gewaltverbrechen. Allerdings kam diese Retribution, außer bei Mord, nicht oft vor. Zumeist wurde zwischen Angeklagten und Kläger ein angemessenes Wergeld ausgehandelt – außer bei schwerwiegenden Straftaten wie Mord; kaum ein Mann war reich genug, um dafür ein geeignetes Strafgeld aufzubringen. In der dritten Kategorie befanden sich weniger schwerwiegende Gesetzesverstöße, wie Wettgeschäfte, Sachschaden und Bestechung, aber auch Totschlag und nachlässige Tötung. Hier konnte der Richter nach eigenem Ermessen Geldstrafen verteilen. Diese mussten entweder an die staatliche Kasse oder an den Geschädigten ausgezahlt werden. In manchen Fällen wurde ein solcher Verbrecher auch ausgepeitscht oder für eine gewisse Zeit eingesperrt.