Schriftlichkeit

Aus Scriptorium

Dieser Artikel beschreibt die Stellung des Lesens und Schreibens im Mittelalter. Siehe auch Alphabetisierung für eine Schätzung, wieviele Menschen im Mittelaler lesen und schreiben konnten.

Lesen

Die Mehrheit der Leute im Mittelalter war illiterat. Für arme Leute gab es kaum Möglichkeiten, lesen zu lernen, vor allem für arme Frauen. Was den Adel angeht, so hatten Männer dann und wann rudimentäre Lesekünste; es war aber unwahrscheinlich, dass Frauen auch aus reichen Familie lesen konnten. Allerdings erlernten Frauen aus reichen Familien manchmal das Lesen von Vätern, Brüdern oder Hauslehrern.

Bei Einheimischen war es, zumindest bei Männern, wahrscheinlicher, dass sie lesen konnten. Tatsächlich gehörte es bei Männern der oberen Schicht im Fatimidenkalifat zum guten Ton, belesen zu sein - anders als unter den adligen Lateinern des Königreichs Jerusalem, die ihren Status als Krieger mit dem eines Bücherwurms zumeist nicht als vereinbar sahen.

Generell wurde laut gelesen, da dies als geselliger gesehen wurde, und man glaubte, dadurch würde es nur eine Interpretation des Textes geben - keine Verwirrung oder Verdachte konnten sich dadurch reden, was beim Lesen von religiösen Texten (die überwältigende Mehrheit von niedergeschriebenen westlichen Texten im 12. Jahrhundert) tunlichst vermieden werden sollte. Sehr oft aber wurde gelesen, um anderen, illiteraten, Leuten, etwas vorzulesen; zum Beispiel lasen Stadtschreier für das Bürgertum Bekanntmachungen herunter. Unter reichen Adligen gab es auch private Lesesitzungen, bei welcher ein Priester oder sonstiger Schriftkundiger dafür bezahlt wurde, ein Buch öffentlich vorzulesen.

Still zu lesen war noch eher akzeptabel für nicht-religiöse Texte, und selbst da wurde dies mit Misstrauen beäugt - stummes Lesen verband man mit Eigenbrötlerei und Abgrenzung von der Gesellschaft; daher trug es wenig zum Ansehen bei. Auch bei Einheimischen war es präferiert, laut zu lesen, auch wenn stummes Lesen dort kein solches Stigma trug.

Schreiben

Viele Leute im Mittelalter konnten halbwegs lesen, aber nicht schreiben - beziehungsweise nicht mehr als ihren eigenen Namen. Dies ergab sich aus Mangel an Praxis - es war fast nie nötig für jemanden, der kein Schreiber oder Mönch war, zu schreiben. Für Kleriker war Lesen und schreiben normal, und es gab Schreiber, die aus ihren Schriftkünsten Geld verdienten. Schreiber gab es an den Höfen von Königen und anderen mächtigen Adligen; sie schrieben ihre Geschäfte nieder.

Unter den Einheimischen war Schreiben mehr verbreitet, aber das auch nur in der Oberschicht - der Khassa.

Es ist hinzuzufügen, dass unter den Lateinern des Königreichs Jerusalem die Alphabetisierungsrate höher war als im Westen, unter anderem wegen des Einflusses von beleseneren Kulturen wie Byzanz und Armenien. Dennoch stellte Schreiben keine Selbstverständlichkeit dar, nicht einmal unter den Reichen und Mächtigen.

Geschrieben wurde auf Pergament, was aber extrem teuer ist, und Wachstafeln, auf welchem sich gut kurze Nachrichten einritzen ließen. Im Heiligen Land war damals aber auch schon Papier bekannt. Aufgrund der wenig schriftlichen Kultur des Westens übernahmen die Lateiner dies aber jedoch kaum.