Religion in Jerusalem

Aus Scriptorium

Im Königreich Jerusalem bildete schon aufgrund der Tatsache, dass der Staat auf einer religiösen Grundlage errichtet wurde, die Religion eine enorm wichtige Rolle, nicht nur in der Aufteilung der Gesellschaft, sondern auch im Alltag und im Gedankengut normaler Menschen.

Religiöse Gruppen

Die offizielle, staatliche Kirche im Königreich Jerusalem ist die römisch-katholische Kirche. Dies bedeutet, dass das geistliche Oberhaupt des Königreichs, welchem auch der König selbst Rechenschaft schuldig ist, der Papst in Rom ist. Die Anhänger der katholischen Kirche nennt man Lateiner, da ihre Gottesdienste auf Latein abgehalten werden. Die katholische Kirche ist keine einheimische Kirche; sie wurde mit den Kreuzfahrern importiert. Die allermeisten Katholiken sind daher aus dem Morgenland – welche die Einheimischen „Franken“, auf Arabisch "franj" oder „farangi“, nennen, selbst wenn sie nicht aus dem Gebiet des ehemaligen Frankenreichs kommen. Die katholische Kirche hat einen massiven Einfluss auf die Politik des Königreichs, und kontrolliert die großen militärischen Orden, die Templer und die Johanniter. Es gibt auch ein paar Konvertiten unter den Einheimischen.

Einheimische Kirchen waren vor allem die griechisch-orthodoxe, die syrisch-orthodoxe und die Armenische Kirche. Einheimische Christen lebten schon lange vor der Ankunft der Kreuzfahrer in Jerusalem, und waren für die Kreuzfahrer natürliche Verbündete gegen die „Heiden“. Aus jenem Grund wurden beide Gruppen toleriert und im Kampf gegen die Heiden eingespannt. Die Angehörigen der orthodoxen Kirchen nannte man Syrer, auch wenn sie griechisch-sprachig waren; die Angehörigen der armenischen Kirche nannte man Armenier. Die Armenier hatten einen sehr hohen Status im Königreich inne; die Syrer bildeten in Jerusalem die Bevölkerungsmehrheit und eher die Unterschicht.

Im Gegensatz zu vielen Städten Europas, wo Juden als Bankiere und Händler zu Reichtum kamen, bildeten die sie die arme Unterschicht in Jerusalem. Aus ihren ursprünglichen Häusern im syrischen Viertel verjagt, fristeten sie ihr Dasein im ärmlichen jüdischen Viertel vor allen als Angehörige von wenig angesehenen Berufen. Die wenigen reichen Juden bewegetn sich in nobler Gesellschaft, doch auch dort wurden sie misstrauisch beäugt, auch wenn die Christen des Heiligen Landes nie so rabiat gegenüber Juden agierten wie gegenüber Muslimen.

Muslime hatten einen Pariah-Status in Jerusalem inne. Auch wenn einige Muslime sich wieder in Jerusalem angesiedelt hatten, so wurden ihnen hohe Abgaben abverlangt und sie sahen sich Schikanen ausgesetzt – auch wenn sie unter dem Schutz der Krone standen, solange sie ihre Abgaben leisteten. Stets mussten sich Muslime vor Übergriffe von Christen, sowohl katholischen wie auch einheimischen, hüten.

Religiösität

Ganz pauschal kann man sagen, dass es im Mittelalter so etwas wie Atheismus nicht gab. Skeptizismus gab es zwar, doch jener richtete sich weniger gegen Religion selbst sondern viel eher gegen die organisierten Formen der Religion – beispielsweise rebellierten die Katharer gegen die katholische Kirche, nie aber gegen fundamentale christliche Konzepte. Fehlender Glaube an Gott war unvorstellbar für einen mittelalterlichen Menschen.

Dies ergab sich zum einen durch fehlende Bildung und mangelnde Wissenschaft. Dem Menschen waren viele natürliche Phänomene und Prozesse daher nicht begreifbar waren – und mussten folglich von Gott kommen. Zum anderen ergab sich Frömmigkeit durch das Umfeld eines jeden Menschen – insbesondere in religiös zersplitterten Reichen wie dem Königreich Jerusalem war die Definition über die Religion wichtig. Ein katholischer Franke würde, wenn er sich vom Glauben abwenden würde, sich auch von seiner Gemeinschaft abwenden, und somit jeglichen gesellschaftlichen Schutz und Geborgenheit verlieren. Apostasie – Abfall vom Glauben – wurde zudem hart bestraft – ein Katholik, der zum Islam übertrat, hatte mit harten Sanktionen (zum Beispiel Exkommunikation und Vogelfreiheit) zu rechnen, zumal die Kirche den Eintritt eines Katholiken in eine andere Glaubensgemeinschaft als nicht rechtsgültig ansah.