Glas

Aus Scriptorium

Dieser Artikel behandelt Glas und die Herstellung von Glas im Kontext des Mittelalters.

Geschichte der Glasherstellung

Die Fertigkeit Glas herzustellen und dieses zu bearbeiten ist eine alte Kunst. Die ältesten Belege stammen aus Ugarit, wo bereits im Jahre 1600 v. Chr. Glas geschmolzen und zu Perlen verarbeitet wurde. Das älteste bekannte Glasgefäß stammt dagegen aus Ägypten und datiert auf die Regierungszeit Thutmosis III. (ca. 1450 v. Chr.). Die Ägypter stellten Hohlgläser her, in dem sie erhitzte Glasstränge um einen Kern aus poröser Keramik wickelten und diesen anschließend aus dem erkalteten Glas heraus kratzten. Das Zentrum der ägyptischen Glasmacherei lag in Theben. Dort wurde ein Gemisch aus Quarzsand und Pflanzenasche in einem ersten Schmelzvorgang bei 800 Grad zum Schmelzen und die so entstehende Fritte in einem zweiten Schmelzvorgang auf bis zu 1100 Grad erhitzt. Das beim zweiten Brennvorgang entstandene Rohglas wurde zu handlichen Barren geschmolzen, welche im gesamten Mittelmeerraum zur beliebten Handelsware avancierten.

Minoer, Mykener, Griechen, Etrusker und später auch die Römer übernahmen die Techniken der Glasherstellung. Durch die Erfindung der Glasbläserpfeife im 1. Jahrhundert vor Christus erfuhr die Kunst der Glasmacherei wichtige Impulse. Fortan war es möglich, mundgeblasenes Glas herzustellen, was das Formenspektrum enorm erweiterte. Die Römer waren in der Lage, ihre Glasgefäße durch die unterschiedlichsten Dekorationsformen zu verzieren. Zum weit gefächerten Repertoire der römischen Glasmacher gehörten Nuppen, Auflagen und Schlangenfadendekor. Neben kunstvollen Gefäßen waren sie auch in der Lage Büsten, Statuetten, Gemmen, Mosaiksteinchen und Flachglas für Fenster herzustellen. Bei der Oberschicht erfreuten sich Glasarbeiten mit Edelmetalleinlage besonderer Beliebtheit. Mit der Beigabe verschiedener Zusätze war es in den Handwerkern möglich das Glas beim Schmelzvorganz einzufärben. Zudem beherrschte man auch die Kunst des Entfärbens, wodurch milchig weißliches Glas entstand.

Die ausführlichste Darstellung antiker Glasmacherei findet sich in der Historia Naturalis des älteren Plinius. Das Glas wurde aus Quarzsand und natürlich vorkommendem Natron hergestellt. Bedeutende Lagerstätten lagen in Hispanien, Gallien und Italien, während der Großteil des Natrons im ägyptischen Wadi Natrun abgebaut wurde. Weitere Abbaustätten von Natron bildeten die Salinen am Toten Meer, wenngleich sie niemals die Bedeutung der ägyptischen Lagerstätten erreichten. Die Grundstoffe wurde in großen Wannen aufgeschmolzen und das Gemenge in kleinen Schmelztiegeln veredelt. Zentren der Glasherstellung entstanden rund um das Wadi Natrun und in der Levante. Von dort aus wurde das Rohgals ins gesamte Imperium Romanum exportiert.

Techniken der mittelalterlichen Glasherstellung

Das mittelalterliche Glas bestand im wesentlichen aus zwei Hauptkomponenten: Aus zwei Teilen Quarzsand als Glasbildner und einem Teil Natron / Soda oder Asche als Flussmittel und zur Senkung der Schmelztemperatur. Mit Natron erreichten die Handwerker eine wesentlich höhere Glasqualität, weshalb diesem der Vorzug gegeben wurde. Nur wenn dieser Grundstoff nicht verfügbar war, griff man behelfsmäßig auf Asche zurück. Daneben konnte es noch diverse Zusätze für die Farbgebung enthalten. Eisenoxide ergaben als Zusatz eine blau-grüne bis gelbliche Färbung, Kupferoxide eine blau oder grünliche Färbung, während man mit Nickeloxiden eine violette bis rötliche Färbung erreichte. Die teuersten Färbemittel waren Silber für eine gelbliche Färbung und Gold, dass es dem Glasmacher ermöglichte einen Purpurton zu treffen.

Die Glasmacher bedienten sich bei der Glasherstellung eines zweistufigen Schmelzverfahrens. Zunächst wurde das Gemenge gesintert. Bei diesem Prozess wird das Gemenge auf 700 Grad erhitzt, dass Flussmittel und Glasbilder verbinden und die Fritte entsteht. Verunreinigungen wie Sulfate und Chloride flockten als Schaum aus und konnten von Hand abgeschöpft werden. In einem zweiten Schritt wurde das Rohglas bei 1150 Grad geschmolzen und schließlich bei 900 Grad weiterverarbeitet oder zwecks Weitertransport in Barrenform gegossen. Diese Vorgänge erfolgten in einem speziell gefertigten Glasofen, der neben der eigentlichen Schmelzkammer eine Sinterkammer beinhaltete, aus der man den Schaum abschöpfen konnte. Ursprünglich hatten diese wuchtigen Öfen eine runde Form. In späterer Zeit setzte sich die eckige Ofenform durch. Aus Gründen des Brandschutzes waren die Schmelzöfen stets in einem separaten Gebäudeteil oder in einem Hinterhof untergebracht.

Zur Herstellung von Hohlglas waren dem mittelalterlichen Handwerker zwei unterschiedliche Techniken vertraut. Zum einen war es möglich, das Glas mit Hilfe eines Models in Form zu blasen. Dabei wurde der Schmelze mit der Glasmacherpfeife ein Klumpen zähflüssigen Glases entnommen und dann in eine Form aus Holz oder Eisen geblasen. Zum anderen gab es noch die Technik des freien Blasens, die wesentlich mehr Kunstfertigkeit des Handwerkers erforderte, da das Glas ausschließlich durch Blasen, Rotation und dem Einsatz spezieller Scheren und Zangen in Form gebracht wurde. Das Glas konnte noch beim Blasen durch das Aufsetzten verschiedener Applikationen verziert werden. Um Spannungen zu vermeiden, die das Glas zum Springen bringen konnten, musste es anschließend im Kühlofen getempert werden.

Die Kunst, Flachglas herzustellen, geriet zunächst in Vergessenheit und musste erst wiederentdeckt werden. Im Mittelalter erfolgte die Fertigung von Flachglas im Zylinder-Blas-Verfahren. Hierbei wurde, wie schon bei der Herstellung von Hohlglas, aus der Schmelze zähflüssigen Glases ein Klumpen entnommen. Dieser wurde zu einem Zylinder aufgeblasen, ehe er der Länge nach aufgetrennt und zu einer 35 x 50 cm großen Glasscheibe ausgerollt. Eine andere Möglichkeit war es, den Glasklumpen zu öffnen und durch Rotation zu einer kreisrunden Glasscheibe, der Butze, zu formen. Dieses Verfahren stammt höchstwahrscheinlich aus dem vorderen Orient und wurde von dort übernommen. Es war durchaus üblich, dass in ein und derselben Glashütte sowohl Hohl- als auch Flachglas hergestellt wurde.

Der Okzident

In den Gebieten des ehemaligen Weströmischen Reiches knüpfte man an römische Glasmacher-Traditionen an. Jedoch litt die Qualität des Gebrauchsglases im nordalpinen Raum erheblich. Die Situation verschärfte sich, als der transalpine Handel mit Soda und Natron zum erliegen kam. Man war gezwungen das ausbleibende Flussmittel durch Pottasche zu ersetzen. Die meisten Glashütten verlagerten sich aus den Städten in Waldgebiete, da sie einen enormen Bedarf an Holz hatten. Dieses auch als Waldglas bekannte Glas hatte eine bräunlich-grünliche Färbung.

Sturzbecher, Rüsselbecher und kuhhornförmige Glasgefäße waren das am weitesten verbreitete Gebrauchsglas. Ab dem 10. Jahrhundert wurde diese Produktpalette um stumpfe Becher mit konischer Wandung, Ampulle und bauchige Flaschen mit langem Hals erweitert. Zudem sind aus dieser Zeit erstmalig Kirchen mit verglasten Fenstern belegt. Mit dem 12. Jahrhundert kamen zusehends byzantinisch angehauchte Gläser korinthischen Typs in Mode. Dies waren meist Becher mit aufgeschmolzenem Tropfen- und Perlendekor. Bis zum 15. Jahrhundert erweiterte sich die Produktpalette stetig. Im 15. Jahrhundert gelang es erstmals farbloses Transparentglas herzustellen, dass als Cristallino bekannt wurde. Damit hatte die mittelalterliche Glasherstellung im Okzident ihren Zenit erreicht.

Die frühen Zentren der okzidentalen Galsmacherei lagen in Italien, dem Rheinland sowie der Normandie und der Provence. Später etablierten sich weitere Zentren in England, Skandinavien und in Böhmen. Letztere waren vor allem für den Kuttrolf und den Krautstrunk bekannt. Unter islamischem Einfluss gewannen auch die Glashütten auf der iberischen Halbinsel, allen voran die katalanischen, an Bedeutung. Im nordalpinen Raum blieben die französischen so wie die niederländischen Glashütten führend. Die eigentlichen Hochburgen der okzidentalen Glasmacherkunst lagen jedoch nach wie vor in Italien. Hier sind vor allem die Glasmacher von Venedig und Genua zu nennen, die mit ihrer Kunstfertigkeit den Ruhm des italienischen Glases begründeten, das sich in ganz Europa großer Beliebtheit erfreute. Murano-Glas wurde zum Inbegriff der Qualität und wurde bis nach Skandinavien verhandelt.

Der Byzantinische Raum

Noch weitaus stärker als im lateinischen Westen knüpfte man im byzantinischen Raum an römische Wurzeln an. Den byzantinischen Glasmachern war eine Vielzahl an Arbeitstechniken und Formen bekannt. Glas konnte sowohl frei als auch in der Form geblasen werden. Ebenso beherrschte man die Fertigung von Flachglas. Gefäße wurden mit Applikationen und Emailtechniken verziert. Auch waren Gravur- und Schnitttechniken bekannt. Besondere Kunstfertigkeit entwickelten die byzantinischen Handwerker bei der Herstellung von bunten Kirchenfenstern und Glasmosaiken, die durch ihre Einlagen aus Edelmetall bestachen.

Die byzantinische Glasmacherkunst strahle weit über die Grenzen des byzantinischen Kernlandes hinaus. Sie beeinflusste die Italienischen Glasmacher ebenso wie ihre bulgarischen Kollegen. Byzantinisches Exportglas fand sich im ganzen Mittelmeerraum wie auch an den Küsten des Schwarzen Meeres bis hinauf zur Kiewer Rus. Als besonders populärer Exportschlager erwiesen sich die sogenannten Hedwigsgläser, die gerade in den Kreuzfahrerherrschaften weite Verbreitung fanden.

Der Islamische Raum

In allem vom Islam eroberten Ländern, die ehemals zum Römischen Reich gehörten, wurde die spätantike Glasproduktion fortgesetzt. Die in islamischer Zeit entstandenen Glashütten lassen sich nur schwer von den ursprünglich römischen Unterscheiden, da sie dem gleichen Aufbau wie ihre Vorbilder folgten. In der Anfangszeit folgten auch die Gefäßformen noch den klassischen Mustern der Spätantike. Erst allmählich entwickelten sich eigene, unzweifelhaft der islamischen Welt zuzuordnende, Gefäßtypen, etwa für Spritzfläschchen und Phiolen für Pharmazie und Kosmetik. Auch sind große Trink- und Waschgefäße sowie Moscheelampen mit üppiger Ornamentik bekannt. Für den täglichen Gebrauch gab es kleinere Schmuckelemente und Spielsteine aus Glas.

Islamische Glasmacher waren in der Lage nahezu farbloses Glas herzustellen, wie sie auch im Stande waren, eine große Palette von unterschiedlichen Farbtönen zu erzeugen, indem sie dem Gemenge Zusatzstoffe beigaben. Zur Verzierung ihrer Erzeugnisse bedienten sie sich vielfältiger Techniken. Beliebt waren applizierte Fäden oder scheiben. Ähnlich beliebt waren Ritz- und Schleifmuster oder sich widerholende Ornamente, die mithilfe eines Rads in das noch heiße Glas gedrückt wurden. Schriftzüge wurden dagegen mit speziellen Zangen in das Glas gedrückt. Im religiösen Kontext handelte es sich dabei oftmals um Koransuren, aber es sind auch Gefäße und Schalen mit Herrschernamen bekannt.

Die Produktion von Glas stellte im muslimischen Raum einen wichtigen Wirtschaftsfaktor da; allen voran der Handel mit Natron, der für die Herstellung von hochwertigem Glas unabdingbar war. Darüber hinaus bildeten Rohglas und Glasprodukte wichtige Exportgüter. Syrische Stangengläser wurden sowohl in den Osten als auch in den Westen verhandelt. Selbst zerbrochenes Altglas bildete ein wichtiges Handelsgut, was noch einmal den Wert dieses Materials unterstreicht.

Der Wert des Glases

Glas war ein wertvoller Rohstoff, da allein die Beschaffung der Grundstoffe und die Herstellung des Rohglases sehr aufwendig war. Darüber hinaus erforderte die Bearbeitung des Glases hohe Kunstfertigkeit. Es ist daher wenig verwunderlich, das Glas im Mittelalter nicht für alle gesellschaftlichen Schichten erschwinglich war und als Luxusgut galt. Reiche Bürgerliche waren durchaus in der Lage, sich einfachere Glasgefäße und Schmuckperlen aus Glas zu leisten. Aufwändigere Objekte aus Glas waren dagegen dem Adel vorbehalten. Besonders kostbar waren Glasfenster. Diese waren nur für den Hochadel und den hohen Klerus erschwinglich. So waren Fenster aus Glas ein deutliches Zeichen für Reichtum und Macht ihrer Besitzer, während sich andere mit dünnen Stoffbahnen oder Pergament zufrieden geben mussten.