Ehe

Aus Scriptorium

Die Ehe im Mittelalter war, ebenso wie heute, ein Zusammenschluss von einem Mann und einer Frau zu einer intimen Gemeinschaft, ein „Bund fürs Leben“. Dennoch gab es wichtige Unterschiede, welche hier ausgeführt werden. Zur eigentlichen Prozedur der Heirat gibt es einen eigenen Artikel.

Liebesehe und arrangierte Ehe

Anders als heute waren die meisten Ehen, vor allem in den oberen Riegen, keine Liebesehen, sondern sind arrangiert worden. In der Ebene des Hochadels wurden Ehen arrangiert zwischen Edelleuten, die sich davon belangvolle politische Bündnisse und Vorteile versprachen. In der Ebene des Bürgertums wurden Ehen arrangiert zwischen befreundeten Familien, wobei man dort etwas kulanter war. Generell war die Liebesehe aber die absolute Ausnahme, und oft ging damit der Bruch mit der eigenen Familie einher.

Im Mittelalter hatte man gesellschaftlich eine niedrige Meinung von Liebesehen. Man sagte ihnen nach, dass die unweigerlich scheitern und in Tränen enden mussten, wenn die Leidenschaft erst vergangen war. Man war davon überzeugt, dass man seinen Kindern etwas Gutes tat, wenn man sie in eine arrangierte Ehe bugsierte, da man annahm, dass sich darin die Liebe allgemein langsam aber stetig entwickelte, statt sich in wilden Passionen zu ergehen und dann zu verpuffen.

Rechtstatus

Im französisch-normannischen Rechtsraum gab es bloß die Muntehe. Dies bedeutet, dass die Vormundschaft des Vaters oder anderen Vormunds der Frau an den Mann überging, und die Frau den rechtlichen Status ihres Mannes bekam – dies bedeutete, eine Adlige, die einen Bürger heiratete, wurde Bürgerin, und eine Bäuerin, die den Grafen von Sidon heiratete, wurde selbst Gräfin von Sidon. Germanische Rechtskonzepte wie die Kebsehe bzw. morganatische Ehe und die Friedelehe, welche noch im Heiligen Römischen Reich wirksam waren, waren dem Königreich Jerusalem fremd. Daher nahmen ehelich geborene Kinder auch immer den Status des Vaters an.

Eine Frau, die eine Ehe mit einem Mann anging, verlor ihren Status als eigenen Rechtskörper. Im mittelalterlichen Rechtsverständnis verschmolzen Mann und Frau miteinander zu einem einzigen Rechtskörper, über welchen der Mann die Befehlsgewalt hatte.

Ebenbürtigkeit

Trotz der Tatsache, dass nur Muntehen existierten, war Ebenbürtigkeit wichtig. Generell sollte man nicht weit außerhalb des eigenen Ranges in der Gesellschaft heiraten. Wer eine Frau heiratete, die in der Gesellschaft unter ihm rangierte, musste daher mit einem gewaltigen Prestigeverlust rechnen, und sich damit abfinden, dass er unter anderen Gleichrangigen nicht mehr ernst genommen werden könnte. Kinder aus solchen Heiraten konnten es schon durchaus schwer finden, ihre Ansprüche gegen Prätendenten durchzusetzen.

Ehe und der Haushalt

Idealerweise hatte jedes Ehepaar einen eigenen Haushalt. Dies deckte sich durchaus nicht immer mit der Praxis, wo zum Beispiel verheiratete Leute in der Dienerschaft sich eine Strohmatratze in der Küche der Herrschaften teilten. Dies aber war durchaus nicht regulär – von einem Ehemann wurde in der Regel erwartet, dass er seiner Frau und seinen Kindern eine eigene Wohnstatt bot. In jedem Fall gab es eine rechtliche Vorschrift für ein Ehepaar, zusammen zu leben.

Scheidung

Annullierung

Scheidungen waren in der christlichen Ehe, im Gegensatz zu muslimischen und jüdischen Ehen, nicht möglich. Es gab aber die Möglichkeit, aus einer Ehe zu kommen, indem man sie sich bei einem Kirchengericht annullieren ließ.

Eine Annullierung erfolgte, wenn ein Ehepartner erfolgreich argumentierte, dass die Ehe von Anfang an nicht gültig war. Gültig war eine Ehe nur, wenn sie den rechtlichen Anforderungen entsprach, dass die Verwandtschaft zwischen den Ehepartnern nicht zu nah sein durfte, dass beide Eheleute willig und nicht unter Zwang (oder Besessenheit) in die Ehe gegangen waren, dass beide zum Zeitpunkt ihrer Heirat unverheiratet waren, und dass die Ehe auch vollzogen wurde. Aus diesem Grund war die Bezeugung des Ehevollzugs auch wichtig – ein Mann, der sich den Ehevollzug nicht bezeugen lassen hat, hatte es leicht, zu behaupten, dass die Ehe nie vollzogen wurde.

Trennung

Ein wenig radikalerer Eingriff konnte vom Kirchengericht unternommen werden im Fall von Ehebruch, Ketzerei oder Grausamkeit. Hierbei befreite es die Eheleute von der Notwendigkeit, miteinander zu leben, und die Frau von der Vormundschaft des Mannes. Ihr Status als eigenes Rechtsubjekt wurde wieder hergestellt. Nach einer Trennung waren ein Mann und eine Frau noch immer formell miteinander verheiratet, und beide durften nicht wieder heiraten. Wenn der Mann die Schuld am Antrag der Frau für eine Trennung hatte, so hatte er ihr aber dennoch Alimente zu zahlen.

Einflussreiche Männer konnten dann und wann aber auch Gerichte dazu bestechen, Gründe für eine einfache Trennung auch als Grund für eine Annullierung zu sehen. Auch konnte ein Mann sich auch von einer getrennten Ehe einfach davonmachen, um unterzutauchen und sich in der Ferne eine andere Frau zu nehmen.